Dienstag, 30. November 2010

K-Pop versus Kommi-Pop

Ein musikalisches Duell der Giganten. Friede, Freude, Eierkuchen, Propaganda Sing-Sang in Nordkorea, Wertepluralität und schrillbunte Pop-Glitzerwelt im Süden.  

Nordkoreanische Soldaten beobachten Südkoreanische Grenzer





 
Zwei Welten so fern und doch so nah. Geopolitisch in ständiger Gefechtsbereitschaft befinden sich Nord-und Südkorea im Dauerstreit. Da prallen zwei Ideologien aufeinander; wo sich der Norden unentwegt im Mikrokosmos des Sozialistischen Realismus abkühlt, sonnt sich der Süden seit Jahrzehnten unter der Höhensonne des Westens. Ja nicht nur in der Politik sind diese scheinbar unüberwindbaren Grenzen spürbar, auch musiksoziologisch betrachtet gehen beide Staaten unterschiedliche Wege. 

Nordkoreas "Ponchobo Electronic Ensemble", 
Im Osten geht die Sonne auf und scheint ewig für den unsterblichen Führer Kim il Sung













Wo Nordkorea im sozialistischen Selbstruhmszenario ihr scheinbar fröhlich marschierend und rote Fahnen wedelndes Volk über TV und Radio mit propagandistischer Musik beschallen lässt, zieht der antagonistische Stiefbruder Südkorea hinaus in die fernwestliche Popwelt, um sich von Vorbildern wie Lady Gaga, den No Angels oder Robbie Williams inspirieren zu lassen und ist marketingstrategisch klug dabei, 
sich seine eigene Starmanege zu erschaffen. 

Ponchobo Electronic Ensemble aus Nordkorea,  volkstümlich & volksnah


Da wird auch schon mal die P.A. einer Großraumdisko zu Beschallung der Grenzzone seitens Südkoreas aufgefahren um die Soldaten des feindlich-kommunistischen Sozi-Bruders zum überlaufen zu bewegen. K-Pop statt Waffengewalt, hipper Electro-Pop versus Kommi-Pop, buntes Disco Light statt rote Fahnen Appelle, ein musikalisches Duell der Giganten. Genießen die Popsternchen Südkoreas beinahe alle Freiheiten des Glamourbusiness, so ist es für kreative Musiker in Nordkorea durch Verbote oder staatliche Zensur schier unmöglich überhaupt ein Album auf dem Markt zu platzieren. In Südkorea hingegen, wie auch in der übrigen westlichen Welt, geben die Major Labels den Ton an und entscheiden über jeden neuen Stern am Pophimmel. In Nordkorea sind derartig „imperialistische“ Strukturen natürlich völlig undenkbar. Sterne, die gibt es dort nur im Sozialismus und die leuchten rot und glänzen nicht golden am Pophimmel, bis auf die Ausnahme einer Handvoll heilig verehrter Musikhelden. Musik vom Reisbrett oder besser gesagt vom Parteibrett. Denn was in dortigen Songtexten propagiert wird, ist nicht mit der hedonistischen Lebensart des Südkoreaners zu vergleichen, sondern von Despoten indoktrinierte Kommi-Pop Lyrik.  

der unsterblich große General Kim Il Sung, Mythos und Vorbild
Die Themen nordkoreanischer Musik sind trotz aller Einschränkung mannigfaltig. Es geht um Liebe, Freundschaft, Natur, Arbeit und dem scheinbaren sozialistischen Aufschwung einer bröckelnden Konjunktur und primär natürlich um die demütige Ehrerbietung des  „Großen Generals“ Kim Il Sung R.I.P., der aus dem Jenseits grüßen lässt. Die rotgefärbten Interpreten heißen Pochonbo Electronic Ensemble, Wangjaesan oder  Mansudae Art Troupe und bringen mit ihrem simplen Synthie-Pop und rot gewürzten Versen Volk und Junta in wahre Trance. Dem gegenüber stehen die typischen Casting Girl Groups, Pop Bands aus Südkorea wie wie „T-ara“, „2NE1“ oder „Ham, die  ganz nach dem Vorbild deutscher Casting Shows  zu On-Stage-Marionetten der Musikindustrie herausgeputzt werden. Die Stars scheinen auswechselbar und dem temporären Wandel des Musik- und Medienmarktes zu unterliegen, aber wen interessierts; there's no business like show business! Die Themen in den Songtexten sind provokanter und frecher geschrieben als Nordkoreas Friede, Freude, Eierkuchen Sing-Sang. Der Mainstream spiegelt die Wertepluralität der neuen Generation, die sich mit  Luxussehnsucht, virtuellem Liebestaumel, Dauer-Disco-Fieber und Nagellack-Individualismus auseinandersetzt. Politik? Nein, Danke!


Ham aus Seoul, der Name ist Programm 
Auch in den Musikvideos präsentieren sich Südkoreas Casting Teenies stolz als die perfekt gestylten Staranwärter mit dem ultimativen Gespür für Glitzer & Glamour, eher denn der antiquiert anmutenden, einfachen Mädchen aus den nordkoreanischen Musikvideos, die auch aus der Provinz stammen könnten. Die multinationale Girlgroup Ham“, deren Promo-Foto wie eine Metapher zu ihrem fleischigen Bandnamen erscheint und einer ganzen Fastfood-Generation das Wasser Munde zusammenlaufen lässt, singen in einem ihrer 2009 erschienenen Single "TT Dance" von: "...can change yourself from the conventional. Hey start now erase the sadness..." der Schrei nach jugendlicher Selbstbestimmung und exaltierter Emanzipation hallt einem ins Ohr, unterlegt mit  wummernden "We will, we will rock you" Beats àla Queen. 



San Ul Rim, Die Urväter der südkoreanischen Rockmusik
Abseits des funkelnden Mainstreams ist das südkoreanische Musikrepertoire jedoch auch von vielseitigen Klangsphären geprägt. Der Underground bringt auch kreative, alternative Bands hervor, die mit ihren experimentiellen Klangteppichen die Unterwelt beschallen. Beispielhaft dafür sind "San Ul Rim" (dt.: "Das Berg Echo"), die mit ihrem unvergleichlichen Sound in den großen See der psychedelischen Transzendenz tauchten. In den späten 1970er Jahren waren sie die erste südkoreanische Rockband, die über eine Million Alben verkauften. Die drei Brüder Kim Chang Wan, Kim Chang Hun und Kim Chang Ik alias "San Ul Rim", die erste Preise auf einem Music Contest an der Universität von Seoul gewannen, trafen mit ihrer Mischung aus rockigen, experimentellen und traditionellen Elementen den Zeitgeist und das neue Lebensgefühl einer ganzen Generation.
"Tearliners", süße Melancholie auf südkoreanisch
Der aktuelle Independent Sound aus Südkorea ist meist an den britischen oder amerikanischen Bands angelehnt. Die Texte sind in englischer oder koreanischer Sprache verfasst und mit Anglizismen gespickt. Bands wie Tearliner, Low End Project, Mist Blue, Humming Urban Stereo oder The Peppertones oder Donawhale klingen nach dem bezaubernden Gefühl von musikalischem Angekommensein im Land der individuellen Klangfarben.  

Ob nun diktierte Unfreiheit oder selbstbestimmte Freiheit, eisiger Nordwind oder sonniger Süden, rot oder bunt. Musik bewegt,  Menschen bewegen sich, Schritt für Schritt nach vorn, nie zurück. Vielleicht bringt das Füßestampfen schon bald die Mauern in den Köpfen zum Einstürzen und lässt auch die letzten befeindeten Politiker im musikalischen Befreiungsrausch "Love, Peace & Harmony" singen. 


  






Ponchobo Electronic Ensemble -  A Song of heroic workers factory

Kommi-Pop aus Norkorea.
Das 1983 gegründete P.E.E. ist das erfolgreichste Musikorcheser Nordkoreas. Bis 2007 haben sie ca. 150 Alben veröffentlicht und sogar in Japan getourt.  Zentralistisch organisierte Propaganda-Musik soll ruhmreich und volksnah wirken, der dunkle Schatten dahinter wird in schönen Farben gehüllt. Alles ist gut und kann noch besser werden. Alle verneigen sich vor dem großen, scheinbar unsterblichen General Kim Il Sung und der Staat feiert sich dabei selbst und verneint allgegenwärtige Probleme.



Tara "I go crazy because of you"
K-Pop der Extraklasse aus Südkorea. Von vielen geliebt und beneidet haben es die Konsumgören auf die großen Bretter der südkoreanischen Bühnen geschafft. Doch wie lange mag das blendende Spotlight der Casting Shows für sie scheinen? Spieglein, Spieglein an der Wand wer ist der schönste Casting-Teenie im Land. Irgendwo zwischen Britney Spears und den No Angels sind "Tara" einzuordnen.


Sanulrim내 마음에 주단을 깔고
Das musiklaische Rock-Urgestein aus Südkorea. Die 1977 in Seoul gegründeten Sanulrim  gelten noch immer als die einflussreichste Independent Band Südkoreas. Ihr einzigartig-authentscher Stil machte sie zu der berühmtesten Rockband der 70er Jahre und ließ sie mehr als eine Millionen Tonträger verkaufen.


Tearliner
Die einfühlsame und süß-melancholische Herzschmerz-Musik von Tearliner klingt wie die südkoreanische Antwort auf Coldplay oder The Notwist. 


Autor: Gabriel Alexandro Volksdorf